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Europa ist nicht zufällig eine Frau

Am 09. Mai verlieh die Europäische Bewegung Deutschland (EBD) der Journalistin und Aktivistin Düzen Tekkal den diesjährigen Preis Frauen Europas. Für ihr Engagement für Jesidinnen und Jesiden und ihre Arbeit für Vielfalt, Integration und den Schutz von Minderheiten wurde sie im Europäischen Haus mit der blau-goldenen Brosche ausgezeichnet. Mit ihrer Arbeit, die der Preis würdigte, möchte Tekkal bewusst ein Vorbild sein, für Mädchen und Frauen, die Europa gestalten wollen. Dazu verwies sie in ihrem geistreichen Vortrag in die Mythologie, zur Geschichte der mutigen Prinzessin der Antike, die dem Kontinent den Namen gab: „Europa ist nicht zufällig eine Frau“.

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Die Tochter jesidischer Eltern aus Hannover studierte Politische Wissenschaft und Literaturwissenschaft und arbeitet als TV-Journalistin, Autorin und Kriegsreporterin. Neben ihren zahlreichen journalistischen Beiträgen veröffentlichte Tekkal im Jahre 2016 das Buch „Deutschland ist bedroht – Warum wir unsere Werte verteidigen müssen“, mit dem sie auf extremistische Tendenzen in der Gesellschaft hinwies. Mit dem von ihr gegründeten Verein HAWAR.help leistet sie wichtige humanitäre Hilfe.

Auf der Veranstaltung hielt Düzen Tekkal folgende Rede:

„Liebe Freundinnen, liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren, und ganz besonders: liebe Familie,

bestimmt sehen Sie es mir nach, dass ein Teil von mir noch immer nicht glauben kann, dass ich heute hier stehe und diese Auszeichnung erhalten darf, dass Sie alle da sind, dass Bundesministerin und Freundin Julia Klöckner dazu die Laudatio hält. Sie war die erste Frau auf dem politischen Parkett, die mir die Chance gegeben hat, zu zeigen, was ich kann.

Sie hatte den Mut mich und das Thema zu besetzen, mit dem man damals noch keine Pokale gewinnen konnte. Und selbst steht sie für ein „offenes Visier in einer offenen Gesellschaft“ und die Rechte der Frau, unabhängig vom Glauben und Herkunft; dass eine deutsch-kurdisch-türkische Musikgruppe das Beste aus den Traditionen und Herzen verbindet. Und dass meine Familie da ist – meine Mama, mein Papa, meine Schwestern.

„Europa“ ist in der Mythologie selbst eine Frau, eine Prinzessin, die von einem Gott – in der Gestalt eines Stiers – gen Westen entführt wird. Und wenn wir dieses Bild betrachten, dann stellen wir fest, dass Europa immer in Bewegung ist. Denn – um wieder von unserer Gegenwart  zu sprechen – Stillstand bedeutet Niedergang. Und Europa hat sich viel zu lange als eine Festung begriffen, die glaubte, sich nur um den eigenen Wohlstand und Frieden und nicht um den Rest der Welt kümmern zu müssen.

Aber hier hat uns die Zuwanderung von Flüchtlingen und Migranten gelehrt, dass wirtschaftliche Globalisierung immer auch soziale und politische Verantwortung impliziert. Und hier steht das demokratische Europa, das für Freiheit und Frieden und sozialen Gerechtigkeit steht, vor einer großen Herausforderung.

Manchmal denke ich, dass viele Menschen gar nicht mehr sehen, wie sehr Europa fasziniert, wie sehr es die ganze Welt geprägt hat und weiterhin prägt.

Vielleicht ist dies ja gerade der Punkt: Diejenigen von uns, die zugewandert sind, haben sich für Europa entschieden.

Für jene von uns, die nachdenken, ist der Friede, etwa zwischen Deutschland und Frankreich, nicht nur ein Geschenk, sondern auch eine Hoffnung für den Rest der Welt.

Für jene von uns, die Kriege und die Bedrohung durch Grenzen erlebt haben, ist es bewegend, den Rhein ohne jede Passkontrolle überqueren und in jeder Stadt Menschen aus anderen europäischen Städten Europas treffen zu können.

Für jene von uns, die aufgrund ihrer Herkunft, Volks- oder Religionszugehörigkeit Verfolgung erlitten, ist es zugleich ungewohnt und befreiend, sich ohne den Schutz einer Gruppe, eines Stammes, einer Männerzusage frei bewegen zu können.

Ich möchte gar nicht behaupten, dass wir – die wir nach Europa zugewandert sind – allesamt mutiger sind.

In mancher Hinsicht sind wir vielleicht sogar ängstlicher, da wir spüren und ahnen, wie wertvoll und zerbrechlich vieles ist, was manche Alteingesessenen nicht einmal bemerken oder für selbstverständlich halten.

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So bin ich oft gefragt worden, ob ich meinen Buchtitel „Deutschland ist bedroht“ so gewählt hatte, um einen Effekt zu erzielen.

Tatsächlich war es jedoch andersherum – dieser Buchtitel drückt ein Gefühl aus, das viele Migranten und Deutsche mit Migrationsgeschichte nachvollziehen können, wenn wir hasserfüllte Pegida-Demonstranten oder grabschende Jungmänner sehen.

Wir wissen, was es heißt, wenn sich Mehrheiten gegen Minderheiten wenden oder wenn Männer versuchen, Frauen aus der Öffentlichkeit zu verdrängen. Wir wissen, dass sexualisierte Gewalt nie nur auf den Körper zielt, sondern auch auf den Ruf und die Seele.

Liebe Mama, wie so viele Zuwanderinnen hast Du Deine Träume klein gehalten, damit die Deiner Kinder größer werden konnten.

Du hast Deine Zeit, Deine Kraft und manchmal auch Deine Freiheiten geopfert, damit wir unsere nicht mehr in gleicher Weise opfern mussten.

Wenige Wochen nach Ankunft in diesem neuen Land, hast Du Papa nach einem bestimmten Haus gefragt, in dem nur Frauen und Kinder wohnten.

Das ist ein Frauenhaus, hat Papa erklärt – ein Haus, in dem Frauen Zuflucht finden, wenn sie von ihren Männern und ihren Familien zu sehr unterdrückt werden.

Eine Weile später haben wir gehört, wie Du Papa gezogen hast: „Ich warne Dich, ich geh in dieses Frauenhaus und erzähle allen, dass Du mich unterdrückst. Wir sind hier in Deutschland!“

Und der Auslöser dieser Drohung war kein Streit oder gar Gewalt; Papa hatte vorgehabt, ohne Dich auf eine politische Kundgebung zu gehen. Das Frauenhaus war Dein Weg „So nicht!“ zu sagen!

Meine Schwestern und ich haben oft darüber gelacht und uns auch ein Beispiel an Dir genommen, Mama.

Aber inzwischen glaube ich, dass Du etwas erkannt hast, dass die meisten von uns bis heute noch nicht begriffen haben.

Die meisten Leute glauben, dass Europäerinnen viele Rechte haben, „weil“ Europa weit entwickelt ist.

Du hast aber begriffen und vorgelebt, dass sich Europa weit entwickelt hat, „weil“ Europäerinnen viele Rechte errungen haben!

Du hast begriffen, dass das Frauenhaus auf Freiheitsrechte verweist – und dass diese Rechte in das Leben aller Familien ausstrahlen können.

Deswegen haben Papa und Du auch begriffen, dass schulischer Erfolg für Mädchen wichtig und wertvoll ist – denn er wird nicht eingesperrt, sondern bestimmt die Reichweiten des ganzen späteren Lebens!

Und wenn die Mädchen Bildung und ein Bewusstsein ihrer Rechte errungen haben, dann wird auch die jeweils nächste Generation nicht bei null beginnen.

Wenn ich also heute sage und schreibe, dass keine Entwicklung, in keiner Kultur, keiner Religion und keiner Gesellschaft, an den Frauen vorbeigehen kann, dann habe ich eigentlich nur ausbuchstabiert, was Du, Mama, von Europa begriffen hast.

Wer Frauen und Kinder unterdrückt, ist kein starker Mann, sondern jemand, der auch die eigene Zukunft erstickt.

Dass Du in einem Haushalt mit einer starken Frau und sieben Töchtern gelebt hast, hat Dich auf Deine Weise stark gemacht, Papa.

Du hast augenzwinkernd gesagt, dass Du Feminist werden musstest – wenn wir auch alle sahen, dass es oft nicht leicht für Dich war, so anders zu leben als alle unsere Vorfahren.

Deswegen will ich auch Dir von Herzen danken, Papa – dafür, dass Du den Weg mit uns gegangen bist.

Ein alter, deutscher Spruch lautet ja: Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau.

Heute darf ich auch ergänzen: Hinter jeder Frau Europas sollte ein stolzer Vater stehen. Ich habe dieses Glück.

Liebe Schwestern, liebe Freundinnen – wir wissen, dass ich diesen Preis heute stellvertretend für uns alle annehme.

Denn was wir erreicht haben, haben wir gemeinsam erreicht.

Wir haben einander geholfen, wir haben einander gestärkt und vor allem haben wir uns darauf geeinigt, uns niemals nur in den eigenen Problemen zu verlieren.

Jede von uns hat ihr eigenes Päckchen zu tragen – aber indem wir gemeinsam für Frauen aus dem Nordirak, für fußballbegeisterte Flüchtlingskinder oder auch einfach für das nächste Projekt eingestanden sind, sind wir nie in die Falle des Jammerns getappt.

Wir haben uns nie zu Opfern machen lassen, sondern gelernt, auch nach Niederlagen wieder aufzustehen.

Europa ist nicht zufällig eine Frau.

Und nur wenn die Richtung stimmt, dürfen sich unsere Begleiter wie Götter fühlen. Denn Liebe und Lachen sind nur dann ehrlich, wenn die Augenhöhe stimmt. Freiheit wird erst dann Freiheit, wenn sie wirklich für alle gilt. Freiheit ist ohne  Sicherheit nicht zu haben. Das wissen alle, die aus Kriegsgebieten kommen, aber auch in Stadtteilen leben, wo es Bandenkriminalität gibt. Sicherheit ist dort gegeben, wo wir gleiche Rechte und Pflichten in einem demokratischen Ganzen wahrnehmen, uns auf gleiche Werte berufen und diese unmissverständlich einfordern.

Freiheit ist ein höchst gefährdetes Gut, das es jeden Tag zu verteidigen gilt. Dafür kämpfe ich seit ich mich erinnern kann, denn für mich waren diese Werte nicht selbstverständlich, sondern ich musste sie mir hart erkämpfen, hier wie im Ausland. Weil es universelle Werte sind, auf die meine Welt, der ich lange angehört hab, angewiesen ist – auf existenzielle Weise.

Ja, auch ich muss gegen meine Angst ankämpfen. Zum Beispiel, wenn ich immer regelmäßig nach Mossul reise. Das mache ich nicht, weil ich Hasardeuren bin, sondern weil Aufgeben keine Option ist.

Das wurde mir mitgegeben, nicht nur von meiner Mama sondern auch von meiner Oma, die mit Gewehr gelaufen durchs Dorf lief und hat ihre Rechte verteidigte. Obwohl sie Jesidin war, hatte sie keine Angst .

Manchmal erwische ich mich dabei, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, meiner Familie gegenüber, weil ich mich immer wieder frage, warum ich meine Mutter der Gefahr aussetze , dass  ihre Tochter wieder einmal und immer und immer wieder in die Kriegsregionen reist. Stunden und Tage des Bangens und wenn ihre Töchter zurück sind, pure Erleichterung

Aber gibt es ein Leben ohne Risiko? Geht es mir besser wenn ich mich nicht traue? Gewinne ich, wenn ich mich meinen Ängsten nicht stelle ?

Die Antwort lautet NEIN! Nein ! Nein

Und darum ist mein Appell an uns hier in Europa: Habt keine Angst vor der Angst. Seid mutiger, entschlossener und resoluter im Kampf für den Frieden und für unsere Werte. Es war der erste Bundeskanzler von Deutschland und einer der Väter der Einheit Europas, Konrad Adenauer, der davon sprach, dass das wichtigste in der Politik der Mut sei.

Die Wertegemeinschaft Europas, das Wissen um die gemeinsamen Werte, das ist die Stärke Europas. Wertevermittlung beginnt in der Krippe, im Kindergarten, in der Schule, bei der Arbeit  und im Alltag. Eine starke Demokratie vermittelt zuerst, was uns eint und erst in zweiter Linie, wogegen wir sind.

Eine starke Demokratie ist auf das Engagement, auf die Innovation,  auf die Kreativität der Frauen angewiesen.

Europa bleibt dann Europa, wenn wir als Frauen und Männer gemeinsam gegen diejenigen stehen, die ausgrenzen oder belästigen wollen.

Und wisst Ihr, was das ebenso Verrückte wie Schöne am Träumen ist? Umso mehr Du gewonnen hast, umso mehr neue Möglichkeiten eröffnen sich. Wenn die Wolken aufreißen, kommt nicht nur Sonnenlicht durch, sondern Du erkennst, dass der Himmel keine Grenzen hat! Jedes Kind – jedes Mädchen, jeder Junge – sollte solche Momente erleben und daraus Kraft für das eigene Leben schöpfen können!

Europa wurde und bleibt durch die Träume der Frauen und Kinder, der Migranten und Minderheiten stark, die in anderen Erdteilen noch unterdrückt werden.

Freiheit ist ein Wagnis, immer – aber Europa zeigt doch jeden Tag, dass sich dieses Wagnis lohnt.

Deswegen danke ich Euch allen sehr für Euer Hiersein und für diese Auszeichnung.

Denn es ist schon traumhaft, heute hier zu stehen in unserer Heimat, in unserem Deutschland.

Doch mit Euch gemeinsam den Traum leben zu können; das ist ein Ausblick über die Wolken, das ist unser Europa.“

Erschienen in der EU-in-BRIEF, Ausgabe 04-2018.

Alle Bilder des Artikels sind von Erik Eisenfeldt (eisenfeldt.de) und urheberrechtlich geschützt.