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Ich wünsche mir mehr Bekenntnis zur Freiheit…

… und weniger zur Religion. – Die Filmemacherin Düzen Tekkal fordert eine andere Integrationspolitik. Als Tochter von Zuwanderern aus der Türkei appelliert sie an den Mut der Migrantenkinder: Schottet euch nicht ab!

Weil ich Jesidin bin und die Demokratie verteidige, erhalte ich Todesdrohungen, seit einigen Jahren schon. Die Drohungen betreffen aber nicht nur mich persönlich. Sie richten sich gegen das, was ich an Deutschland am meisten liebe und wofür ich als Kind von Migranten aus der Türkei dankbar bin: Freiheit. Eine große Kinokette wollte meinen Dokumentarfilm über die Verbrechen des „Islamischen Staates“ nicht zeigen – aus Angst vor Anschlägen. Ein deutscher Bürger, der die Produktion des Films unterstützte, wollte im Abspann nicht namentlich genannt werden – aus Angst. Der Salafistenprediger Pierre Vogel unterstellte mir wegen meiner Kritik am Salafismus „Hass auf den sunnitischen Islam“ – und machte mich damit zum Hassobjekt gewaltbereiter Islamverteidiger. Nicht wenige von ihnen kommen aus der Heimat meiner Eltern, aus der Türkei. Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber ich spüre, wie in Deutschland immer mehr Angst geschürt wird.

Nicht nur von radikalen Muslimen. Auch von rechten Populisten und von sogenannten besorgten Bürgern. Sie sagen mir ins Gesicht, dass ich in „ihrem“ Land nichts zu suchen hätte. Obwohl ich in Hannover geboren und aufgewachsen bin, gelte ich als Ausländerin, denn meine Eltern sind kurdische Jesiden aus der Türkei. Mein Vater kam als Gastarbeiter und als Angehöriger einer alten religiösen Minderheit, die verfolgt wurde, aber nicht erst heute im Irak, nicht nur damals in der Türkei, immer. Mein Vater Seymus, der im Deutschland der siebziger Jahre die Anerkennung der Jesiden als verfolgte Gruppe erstritt, sagt gern: „Wir haben uns ins Grundgesetz hineingerettet!“ Ich glaube, dieses Grundgesetz ist heute bedroht durch die Angstmacher.

Ich nenne sie die bösen Zwillinge Islamismus und Rechtsradikalismus. Sie bedrohen alle, die anders und anderer Meinung sind als sie. Sie bedrohen Politiker und Journalisten. Sie bedrohen Juden. Sie bedrohen Nichtmuslime, weil sie nicht Muslime sind, und Muslime, weil sie Muslime sind. Sie bedrohen Migrantenkinder wie mich – weil man uns entweder für „ungläubig“ hält oder aber für „undeutsch“.Dagegen hilft es nicht, zu jammern. Es hilft auch nicht, sich wegzuducken. Viele in diesem Land trauen sich nicht mehr, ihre Meinung zu äußern. Andere begeben sich in Lebensgefahr, weil sie auf der Meinungsfreiheit bestehen. Es wird Zeit, dass wir diese Freiheit verteidigen, auch wir neuen Deutschen. Statt uns auf unsere Herkunftskultur zu besinnen, sollten wir wertschätzen, weswegen unsere Eltern nach Deutschland kamen und heute so viele Flüchtlinge kommen: nicht nur wegen des Wohlstands, sondern um freier zu leben.

Es ist in der Integrationsdebatte heute populär, sich auf seine Herkunft zu berufen, gern auch auf seine Religion. Vor allem die Islamverbände haben das aufgegriffen und tun so, als hieße Migrant sein Muslim sein – und sie selber seien als Experten für Religion auch Experten für Integration. Ich wünsche mir andere Fürsprecher. Denn ich habe gesehen, was übertriebener Religionsstolz und mangelnde Religionsfreiheit zur Folge haben: Hass auf Andersgläubige. Ich habe den Genozid an den irakischen Jesiden gefilmt. Gerade das hat mir Mut gemacht, unseren Rechtsstaat zu verteidigen, der allein die Freiheit garantiert und den Frieden. Darum wünsche ich mir eine Integrationspolitik, die nicht auf den Glauben der Migranten und ihrer Kinder fixiert ist. Ich wünsche mir weniger Bekenntnis zur Religion und mehr Bekenntnis zur Freiheit. Von den neuen Deutschen ebenso wie von den alten. Und von den neuesten Deutschen auch!

Ich finde unseren Umgang mit Flüchtlingen und Migranten oft naiv. Wir hoffen, dass sich unsere Gesellschaft mehr und mehr pluralisiert, aber verschließen die Augen vor Fluchtursachen, die auch hier zu Konflikten führen können, etwa die mangelnde Einübung in religiöser Toleranz. Zugleich hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass Integration hauptsächlich eine Religionsgruppe betrifft, nämlich Muslime. Das ist ein Fehler. Integration geht uns alle an. Mich stört schon die Frage, die mir in den letzten Jahren immer öfter und immer aggressiver gestellt wird: Was willst du als Jesidin eigentlich zum Thema Islam sagen?

Nun, als Angehörige einer religiösen Minderheit, die in ihrer islamischen Herkunftskultur immer wieder zur Zielscheibe von Massakern wurde, habe ich zum Islam sehr viel zu sagen. Wie man Widerständigkeit kultiviert. Wie man sich Respekt verschafft. Und was es heißt, Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft zu sein. Das ist auch die Situation der Muslime in Deutschland, mit dem Unterschied, dass unser Land eine stabile Demokratie ist. Gott sei Dank! Gerade deshalb möchte ich nicht, dass Migranten oder Migrantenkinder nach Religionszugehörigkeit auseinanderdividiert werden.

Copyright: Hawar.help
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Ich möchte auch nicht, dass die Freiheit sich rechtfertigen muss gegenüber der Religion. Die Kritik vieler Migranten an ihrer Situation im Westen mag zutreffend sein, die Ablehnung der westlichen Werte ist noch lange nicht legitim. Anders gesagt: Die Menschen, die hierher kommen, sollten sich zuerst in unsere demokratische Gesellschaft integrieren, nur dann können sie sie auch zum Besseren verändern. Damit das gelingt, muss Integrationspolitik ehrlicher sein. Sie muss nicht nur Integrationshindernisse auf deutscher Seite, sondern auch Integrationsunwillen von Neudeutschen benennen.

Ich habe früh gelernt, warum Integration wichtig ist. Mein Vater arbeitete in Deutschland zunächst am Fließband, dann als Fliesenleger, aber bald wurde er aktiv in der SPD, um das Schicksal seiner Familie im neuen Land mitzugestalten. Nachdem er seine Frau und seine beiden ältesten Kinder nachgeholt hatte, kam ich zur Welt, 1978 in Hannover. Ich war das erste deutsche Kind in der Familie. Meine Eltern waren stolz darauf, dass ich im Kindergarten die deutsche Sprache erlernte und diese bald besser sprach als sie. Für meine Eltern war ich das Kind, das sie mit Deutschland verband.

Wir müssen aufhören, unpolitisch zu sein

Haben sie sich deshalb verleugnet? Nein! Meine Mutter und mein Vater stammen beide aus Südostanatolien, aus einem Dorf namens Cinar in der Nähe der Stadt Diyarbakır, nicht weit von der syrischen Grenze. Mein Vater war ein wissbegieriges Kind, ich glaube sogar, ein Streber. Er erzählte uns, dass seine Mitschüler vom Lehrer oft geschlagen wurden, wenn sie eine Antwort nicht wussten. Er habe nie Schläge bekommen. Er kam aus einer Familie von Bauern und konnte selber nicht studieren, aber er lebte später seinen elf Kindern vor, wie wichtig Wissen ist. Und Herzensbildung. Meine Mutter, die nie Lesen und Schreiben gelernt hat, wollte, dass wir möglichst lange zur Schule gehen, statt möglichst früh Geld zu verdienen. Auch die Mädchen. Das ist wichtig zu verstehen, denn die Jesiden sind auf ihre Weise ein typisch orientalisches, patriarchales Volk. Die Ehe meiner Eltern war arrangiert. Dass daraus Liebe wurde und sie sich bis heute innig zugetan sind, war nicht vorhersehbar. Sie hatten großes Glück.

Trotz ihrer Aufgeschlossenheit gab es ungeheuren Familienstreit, als ich mit 18 allein zum Studium in eine andere Stadt gehen wollte. Unverheiratet! Allein! Ich musste mich gegen die Eltern durchsetzen, das tat weh. Aber später kamen sie dann doch alle zum Tag meines Studienabschlusses. Mein Professor bat sie zur Verkündung der Abschlussnote herein. Da hatte ich längst verstanden, dass man sich nicht kampflos integrieren kann. In meinem Schulzeugnis der zweiten Klasse hatte gestanden: „Düzen verfügt für ihr Alter über einen umfangreichen Wortschatz und vermag sich treffend auszudrücken.“ Auf Deutsch. Keiner wusste, woher das kam. Von zu Hause kam es nicht. Anders als die Migranten heute bekamen die Gastarbeiter damals keine Deutschkurse angeboten. Aber mein Vater hat fast nie einen Elternabend versäumt. Diese Termine waren ihm wichtig. Die Eltern der anderen türkischen Kinder kamen nur selten. Er aber wollte, dass wir dazugehören. Darin lag wohl der Unterschied. Das Thema meiner Abschlussarbeit an der Universität, in Politikwissenschaft, war dann übrigens Integration.

Wie sich Integration anfühlt, hatte ich aber schon als Kind begriffen. Deshalb bedaure ich, wenn deutsche Politiker es vermeiden, über migrantische Milieus, die sich abschotten, auch nur zu reden. Wenn ich Migranten kritisiere, wird mir von Deutschen entgegengehalten: Sei doch froh, da kommt etwas Neues von außen und verändert uns! Bist du dagegen, dass sich hier was ändert? – Nein, ich bin nicht dagegen! Ich gehöre nicht zu den Ewiggestrigen. Aber wir Neuankömmlinge haben auch Pflichten. Zum Beispiel die Pflicht, für uns selber Verantwortung zu übernehmen. Die Politik sollte das nicht erschweren, sei es durch bedingungslose Fürsorge, sei es durch Arbeitsverbote.

Doch zurück zum Thema Religion. Als mein Vater ganz neu war in Deutschland, stand er mit sehr vielen Muslimen zusammen am Fließband, und die waren durchaus fromm, sie beteten fünfmal am Tag. Aber ihre Religiosität war kein Problem. Das Problem entstand erst, als Verbände und Importimame das Thema Religion missbrauchten für ihre Klientel-Politik. Sie gaben den Neuankömmlingen nicht Heimat, sondern ermunterten sie zur Abgrenzung. Sie sind mitverantwortlich, wenn die „dritte Generation“, also die Kindeskinder der türkischen Zuwanderer, hierzulande nicht ankommen will. Ein aktuelles Beispiel: Als im Dezember junge Muslime in Berlin auf offener Straße Israel-Fahnen verbrannten, richtete sich der Zorn der Mehrheitsgesellschaft auf die Flüchtlinge. Tatsächlich waren viele, vielleicht die meisten dieser fanatisierten Israel-Gegner hier geboren und aufgewachsen.

Wenn Migranten nicht ankommen, liegt das oft auch an sozialer Benachteiligung. Ich habe darüber Filme gedreht, habe jugendliche Intensivstraftäter mit der Kamera begleitet, um zu zeigen, warum so viele von ihnen einen Migrationshintergrund haben. Ich berichtete über Zwangsehen und Ehrenmorde, auch in der jesidischen Community. Ich weiß, der Weg in die Freiheit ist nicht leicht. Aber kein Verständnis habe ich dafür, wenn wir heute Feinde der Integration gewähren lassen. Wie kann es sein, dass in deutschen Ditib-Moscheen dieser Tage für den Angriffskrieg der Türkei auf die Kurden gebetet wird, der angeblich ein heiliger Krieg sein soll? Was hat das mit Religionsfreiheit zu tun?

Religiöse Hetze wird jungen Muslimen nicht helfen, sie liefert nur den Rechtspopulisten Argumente – es sei denn, die Parteien der Mitte haben Mut auch zur Islamkritik. Warum lässt sich die Auslandsfinanzierung deutscher Moscheen nicht kappen? Ich habe erlebt, dass vor allem Grüne und Sozialdemokraten, also das politische Milieu, in dem ich ursprünglich sozialisiert wurde, sich vor Kritik drücken. Zu problematischen Moscheen fällt ihnen meist nur ein, dass wir die Religionsfreiheit nicht beschneiden dürfen. Wie wahr! Aber wer im Schutz dieser Freiheit Hass sät, sollte daran gehindert werden. Das ist umso wichtiger, als viele Menschen, die jetzt in Deutschland Zuflucht suchen, vor religiös motivierten und religiös angeheizten Konflikten geflohen sind. Die meisten sind froh, dem entronnen zu sein. Aber einige wollen die Konflikte auch nach Europa tragen. Es ist nicht nur naiv, sondern gefährlich, das zu verschweigen.

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Wenn ich das Thema öffentlich anspreche, vor Politikern oder auch vor Schulkindern, wenn ich vom Leiden meines Volkes am Religionshass berichte, werde ich oft gelobt: Wow, das war mutig! Das freut und ärgert mich zugleich. Wieso ist Kritik schon mutig? Ich will nicht mutig sein müssen in meinem eigenen Land. Ich will mich nicht fremd fühlen, weil Migranten meiner eigenen Generation mich für Kritik am Islamismus als Islamfeindin diffamieren. Mittlerweile engagiere ich mich in der CDU, weil sie am stärksten auf demokratische Werte pocht. Bei einer Veranstaltung der Partei wurde ich von gegnerischen Politikern für Kritik an den Islamverbänden regelrecht niedergemacht. Aber ein junger Muslim hat mich versöhnt. Er schrieb eine E-Mail, in der er sich entschuldigte: Er sei zwar selber bei der Ditib, aber gehöre zu den Jüngeren, die den türkisch-islamischen Dachverband reformieren wollen. Ich möge bitte seine E-Mail nicht veröffentlichen, er habe Angst, aber wolle mir bestätigen: Ja, die Islamverbände seien für die verfolgten Jesiden nicht da gewesen. – Als ich das las, habe ich geweint. Der Junge hat mich daran erinnert, warum ich meine Filme mache und politisch aktiv bin. Gegen die Angst.

Was ist Integration? Keine Angst haben voreinander. Meine Schwester Tugba, die Profifußballerin war, ist jetzt Sozialarbeiterin. Sie geht in Asylunterkünfte und holt iranische und afghanische Mädchen auf den Fußballplatz. Neulich waren sie bei einem Spiel des 1. FC Köln und haben gejubelt. In der Politik nennt man so etwas Teilhabe. In der Praxis sollten wir genau das den neuen Deutschen leicht machen. Leichtmachen heißt nicht Transferleistungen und Schönrednerei. Sondern Selbstverantwortung stärken und diejenigen, die den Westen ablehnen, obwohl sie hier Zuflucht finden, nicht in ihrer Opferrolle bestätigen. Das macht niemanden glücklich. Das erzeugt nur Frust.

Was ist unser Integrationsproblem? Dass zu viele Menschen in Deutschland sich nur über die Zustände beklagen. Wir müssen aufhören, unpolitisch zu sein. Deutschland hat fanatisierte Jugendliche hervorgebracht, die den Terror in den Nahen Osten exportierten. Deutschland hat Fundamentalisten Einlass gewährt, die den Terror importierten. Deutschland hat Rechtsradikale nicht gehindert, Flüchtlingsheime anzuzünden und Migranten zu ermorden. Ich glaube: Hass hat nichts mit Herkunft zu tun. Integration ist eine Aufgabe für alle. Liebe neue Deutsche: Schottet euch nicht ab! Liebe alte Deutsche: Bewegt euch! Liebe alle: Habt mehr Mut!

Dieser Artikel erschien am 01. Februar in der ZEIT.