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„Rette dein Volk!“

3000 jesidische Frauen sind noch in der Hand des IS. Ein Gespräch mit der Filmemacherin Düzen Tekkal, die denGenozid an den Jesiden dokumentiert hat. – erschienen in der ZEIT vom 3. August 2017

DIE ZEIT Frau Tekkal, sie sind in Hannover geboren und aufgewachsen. Wann wurde Ihnen bewusst, dass sie Jesidin sind?

Düzen Tekkal Als ich drei war, kam ein Kamerateam zu uns nach Hause und interviewte meinen Vater: warum unsere Religion unterdrückt werde und meine Eltern aus der Türkei geflohen seien. Ich spürte, da ist etwas Verbotenes. gebetet haben wir nicht. Aber wir liebten Tausi Melek, den wichtigsten Engel der Jesiden, der die Gestalt eines Pfaus hat. Dann gab es eigene Rituale zur Taufe oder Beerdigung. Unsere 4000 Jahre alte monotheistische Religion weiß wenig über sich. Erstens, weil wir keine heilige Schrift haben. Zweitens, weil wir unseren Glauben immer verstecken mussten, in der Türkei wie im Irak.

ZEIT Ihr Vater schrieb 1985 an Bundeskanzler Kohl: „Ihre Regierung hat anerkannt, dass Christen in der Türkei wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Wir danken Ihnen dafür! Leider haben wir Jesiden Ihre Anerkennung als Asylanten bisher nicht gefunden.“

Tekkal Mein Vater Seyhmus Tekkal kam 1965 als Gastarbeiter nach Deutschland und gründete den ersten jesidischen Verein. Er stammte aus einem gemischten türkischen Dorf mit vielen Muslimen. Jesiden hatten weniger Rechte, galten als Ketzer, durften nichts lernen. So blieben die meisten Bauern, auch meine Eltern. Meine Mutter ist Analphabetin, mein Vater besuchte vier Klassen. Erst in Deutschland wurde er Fliesenleger und, wie er es nennt: Menschenrechtsexperte in Asylfragen. Er sorgte dafür, dass tausende Jesiden hier anerkannt wurden.

ZEIT Heute leben etwa 150 000 Jesiden in Deutschland. Von einer Million Gläubigen weltweit ist die Hälfte auf der Flucht. Wie leben sie mit diesem Wissen?

Tekkal Es ist eine Bürde und eine Chance. Zu Hause waren wir sieben Mädchen und vier Jungen, meine Mutter schärfte uns ein: Ich will, dass ihr viel lernt. Ich habe Politik und Germanistik studiert. Alle waren entsetzt, als ich sagte: Ich gehe zum Fernsehen! Bei RTL habe ich viele Integrationsthemen gemacht. Erst später wurde mir klar: Die Jesiden brauchen dich.

ZEIT 2014, als der IS seine Schreckensherrschaft etablierte, reisten sie in den Irak.

Tekkal Mich erreichten unzählige Anrufe, E-Mails, Posts aus den bedrohten Gebieten. Menschen, die ich nicht kannte, schrien ins Telefon: Wir werden abgeschlachtet! Keiner hilft uns! Rette dein Volk!

ZEIT Ein Jahr zuvor hatten sie bei RTL gekündigt.

Tekkal Ohne Plan B, ohne Rücklagen. Aber ich wollte endlich einen Film über die Jesiden machen. Als im Sommer 2014 dann der IS unsere Dörfer überfiel, war ich vorbereitet: Ich war frei! Fast alle Redaktionen scheuten ja das Risiko. Nur stern TV war so wahnsinnig und finanzierte meine Reise. Dafür bin ich ewig dankbar.

ZEIT Wie gingen sie damit um, dass die ganze Berichterstattung so langsam in Gang kam?

Tekkal Ich nahm all meine Wut zusammen, informierte die großen Sender, und dann brachen mein Vater, mein Kamerateam und ich in die heiligen Gebiete auf. In den Krieg. Am 13. August kamen wir an, da war Necla Mato noch eingekesselt, da lebten die Männer von Kocho noch.

ZEIT Hatten sie Kontakt zu Necla Mato?

Tekkal Nein, erst später. Wir wurden von jesidischen Verteidigungseinheiten abgeholt und umfuhren bei Dunkelheit Mossul, um nach Dohuk zu gelangen. Am nächsten Tag kamen wir ins Lager der Überlebenden: Man roch den Völkermord förmlich. und dann brachen die Tragödien über uns herein. Menschen klammerten sich weinend an mich, ein verwaister Junge flehte: Nimm mich mit!

ZEIT Hatten sie keine Berührungsängste?

Tekkal Nein, ich sprach ja ihre Sprache, Kurdisch. Eine Mutter erzählte mir, wie ihr Mann vor ihren Augen enthauptet worden war. Eltern aus Kocho hatten drei Mädchen an den IS verloren: 7, 9 und 13 Jahre alt. Der kleine Bruder zitterte immer noch. seine Augen erinnerten mich an den Holocaust: tief in den Höhlen, voll Angst. Den ganzen ersten Tag lang hörte ich diesen Horror, es war 50 Grad heiß, und immer wieder: Wo wart ihr? Abends bin ich ohnmächtig geworden.

ZEIT Trotzdem fuhren sie noch achtmal in den Irak, es entstand der preisgekrönte Dokumentarfilm Hawar.

Tekkal Das ist das kurdische Wort für Völkermord. Wir drehten im jesidischen Heiligtum Lalisch, das gesichert war wie eine Festung. Wir drehten in der Christenstadt Alkosch, wo gespenstische Stille herrschte. Unser Fahrer bekam dramatische Anrufe von Frauen, die bettelten, freigekauft zu werden. Ihr Grauen habe ich erst später begriffen.

ZEIT Warum?

Tekkal Weil sie zurückkehren mussten. Ihr Leid hat mein Weltbild erschüttert. sie wurden bepinkelt und mit Kot beschmiert. Ihnen wurde in den Kopf gebissen, Zigaretten wurden auf ihrer Haut ausgedrückt, sie mussten den Islamisten den Anus lecken. Mütter wurden im Beisein der Kinder zerfetzt. Und alles wurde legitimiert mit ihrer Religion: Ihr seid Teufelsanbeter und Huren. Bei Gruppenvergewaltigungen verbluteten sie.

ZEIT Jesidinnen gelten bei ihren Peinigern als besonders schön.

Tekkal Sie haben oft hellere Haut, helles Haar, grüne oder blaue Augen.

ZEIT Wie leben sie mit den Bildern aus der Hölle?

Tekkal Ich mache weiter, denn die Untaten werden schon wieder verdrängt. Alle sagen, ach ja, die Jesiden. Aber keiner hilft. Jetzt sollen die Frauen den Tätern vergeben, aber die gehören erst bestraft. Zum Glück hat der oberste religiöse Führer der Jesiden ein Gesetz erlassen, dass keine vergewaltigte Frau mehr als unrein gelten darf. Er hat die Opfer heilig-gesprochen, sie haben vor Freude geweint.

Das Interview führte Evelyn Finger

Düzen Tekkal mit Necla Mato
Düzen Tekkal mit Necla Mato
Der Artikel ist erschienen bei der ZEIT
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Düzen Tekkal und Necla Mato lesen den Artikel
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